Serbien II – oder: Warum man hin und wieder mal einen Umweg machen sollte

Als wir uns dazu entschieden haben, von Polen aus direkt in den Süden zu fahren und über Griechenland in die Türkei einzureisen statt über Bulgarien, war Serbien einfach nur ein Land auf dem Weg, das wir geradewegs durchqueren wollten. Von Belgrad aus sollte es geradewegs und schnellstmöglich gen Süden bis nach Priština im Kosovo gehen.

Und die ersten Tage im Land, an denen wir auf vielbefahrenen Hauptstraßen durch die Felder fuhren, bestätigten uns in der Annahme, dass es hier nicht viel zu sehen gibt. Dann aber warf Denis mal einen genaueren Blick auf die Karte und fand eine Route für uns, die zwar den einen oder anderen Kilometer wie Höhenmeter mehr bedeutete, dafür aber so viel mehr zu bieten hatte als der direkte Weg über die Hauptstraßen.

Applaus, Applaus

Nachdem wir Belgrad verlassen haben, geht es erstmal an der Sava entlang in Richtung Süden. Wir folgen dem Fluss relativ entspannt für den halben Tag bevor es an der Zeit ist, von der Hauptstraße abzubiegen und ein wenig aufwärts zu fahren. Dreimal geht es an diesem Nachmittag steil bergauf, dreimal bergab. Und am Ende des Tages breiten sich vor uns die Bergketten des Gebirges aus, erzeugen damit ein großartiges Panorama und lassen erahnen, welche Aufgaben in den nächsten Tagen auf uns zukommen werden.

Und tatsächlich geht es am nächsten Tag genauso weiter: auf und ab auf wenig befahrenen Straßen durch kleine Dörfer und nur eine einzige Stadt. In Lazarevac führt ein langer Anstieg durch ein Wohngebiet am Stadtrand, in dem wir viele aufmunternde Gesten empfangen und sogar zweimal mit Applaus bedacht werden, was auch durchaus angemessen wirkt. 

In einem kleinen Dorfkiosk versorgen wir uns gegen Mittag mit ein paar Süßigkeiten und Getränken, bevor wir uns ein schattiges Plätzchen auf einem Feld suchen, auf dem wir Hansas Auswärtssieg in Magdeburg feiern können. Nebenbei können wir die Sonne nutzen, um eine Powerbank zu laden und in der Halbzeit einen ganz netten Ausblick genießen. 

Nachdem wir uns in einem weiteren Kiosk für den Rest des Tages versorgt haben und unsere Trinkwasservorräte auffüllen konnten, finden wir noch rechtzeitig vor der Dunkelheit einen Platz für das Zelt und bereiten uns schon mal moralisch auf die Aufgabe vor, die am nächsten Tag vor uns liegt: Divčibare, 1.000 Meter über Normalnull, im Winter ein beliebtes Skigebiet, im Oktober mit sommerlichen zwanzig Grad unser Tagesziel. 

Skigebiet im Sommer (fast)

Fast zwanzig Kilometer lang ist dieser Aufstieg, der uns bis in den späten Nachmittag beschäftigt. Wir halten eine sehr niedrige, aber sehr angenehme Geschwindigkeit, lenken den Kopf mit einem Hörbuch ab, wagen den einen oder anderen Blick auf die Berge und sind am Ende selbst überrascht darüber, wie problemlos wir oben ankommen. Wir sind nach dieser Distanz an diesem warmen Tag schon gut außer Atem, keine Frage. Aber das Sauerstoffzelt wird nicht benötigt und die Waden sind noch unverkrampft. 

Weil wir unterwegs von sehr vielen Autos und Motorrädern überholt worden sind, sind wir nicht sonderlich überrascht, dass der Ort Divčibare, obwohl ziemlich abseits gelegen, sehr, sehr gut besucht ist. Die Cafés und Restaurants sind voll, auf den Wiesen wird gepicknickt und eine kleine Bimmelbahn fährt die Besucher zu den schönsten Aussichtspunkten. 

Bevor es soweit ist, dass wir uns auf irgendwelche Nebensächlichkeiten wie Berge oder Ausblicke konzentrieren können, plündern wir den einzigen offenen Supermarkt der Stadt und essen uns an allem satt, was uns in die Finger kommt und essbar aussieht, denn es ist mittlerweile mehr als dringend, dass wir ein wenig Treibstoff tanken. 

Als wir schließlich so weit gesättigt sind, dass wir unsere Umgebung wieder vollständig wahrnehmen, folgen wir der Route der Bimmelbahn durch den Ort zu einem Aussichtspunkt, der einen wundervollen Blick auf das Tal bietet, das sich jetzt mit seinen Bäumen und Feldern vor uns erstreckt. 

Mountainbikes und Frost

Die erhoffte zwanzig Kilometer lange Asphalt-Abfahrt entpuppt sich nach wenigen Kilometern als ein deutlich kürzerer Nebenweg, der sich mit dem Mountainbike bestimmt richtig gut befahren lässt, mit dem beladenen Reiserad allerdings schon etwas Geschick und Konzentration erfordert, denn der Weg ist teilweise sehr unbefestigt, steil und mit einigen Hindernissen wie umgekippten Bäumen versehen, dafür aber auch menschenleer und unglaublich ruhig. 

Als wir am nächsten Morgen zum ersten Mal aus dem Zelt steigen, finden wir auf dem Dach und den Pflanzen am Boden eine feine Frostschicht, die uns ein wenig überrascht, denn es sollten über Nacht eigentlich leichte Plusgrade herrschen. Wir haben allerdings schon seit Tagen keine Wolken mehr gesehen, weshalb die Tage warm und die Nächte kalt sind.

Das Wasser aus dem Fluss nebenan kann auch nicht mehr als ein paar Grad haben, muss aber trotzdem zum Haarewaschen herhalten, obwohl es so kalt ist, dass der Kopf weh tut. Zum Glück geht es danach aber wieder direkt bergauf, sodass eigentlich gar keine Zeit zum Frieren bleibt. 

Viele Möbel, wenig Wohnung

Am Abend erreichen wir nach einer Abfahrt, die so lang und steil ist, dass hinterher die Hände vom Bremsen schmerzen, die Stadt Užice und stellen fest, dass wir hier mehr oder weniger gefangen sind. Der Weg aus der Stadt heraus ist fast zehn Kilometer lang und glänz mit zweistelligen Prozentsätzen im Anstieg. Weil das nicht mehr vor Beginn der Dunkelheit zu schaffen ist, suchen wir nach der günstigsten Unterkunft für diese Nacht und finden ein Apartment in der Nähe des Zentrums. 

Es stellt sich heraus, dass sich dieses Apartment in einem Wohnhaus im sechsten Stock befindet, der Fahrstuhl zu klein für Denis‘ Rad ist und schon im fünften Stock endet. Nach einer gefühlten Stunde und einigen unanständigen Worten sind alle Gegenstände und Personen im richtigen Stockwerk angekommen und teilweise im Hausflur angeschlossen, so dass wir uns ans Wäschewaschen, Duschen und Powerbanksladen machen können. 

Unser Apartment hat ungefähr dreißig Quadratmeter, ist aber ausgestattet mit allem, was bequem auf ungefähr der dreifachen Größe untergebracht werden könnte. Will heißen, dass uns kaum Platz zum Treten bleibt, man nicht in die Küche kommt, wenn die Waschmaschine offen ist, der Wäschetrockner neben dem Bett steht, der Balkon durch eine Couch belegt ist und die Hälfte der Taschen die Wohnungstür versperrt.

Und weil es noch nicht ausreicht, zu viele Möbel und Einrichtungsgegenstände (in der Küche stehen zwei Saftpressen und zwei Sandwichmaker) in dieser Wohnung zu lagen, sind Regale und Ablageflächen mit leeren Verpackungen (von Parfümkarton über Shampooflaschen bis hin zu Sandwichmakerboxen) dekoriert. Wir laufen also ständig Gefahr, uns irgendwo zu stoßen oder die Dekoration zu zerstören, sobald wir uns vom Bett wegbewegen, weshalb wir versuchen, das zu vermeiden. 

Aber immerhin gibt es ungefähr fünf Fernseher in der Wohnung (einer über der Toilette und ein anderer, der das Geschehen auf der Straße zeigt und nicht ausgeschaltet werden kann) und eine Beleuchtungsinstallation, über die das gesamte Wohn-/Schlaf-/Wäschezimmer in allerlei fragwürdiges Licht getaucht werden kann.

Es schläft sich trotzdem sehr gut unter der Zebradecke und nachdem wir unseren gesamten Hausstand wieder auf die Straße geschafft haben, geht es an den zehn Kilometer langen Aufstieg, der am Morgen deutlich angenehmer zu fahren ist als es am Vorabend der Fall gewesen wäre. 

Weiter in den Bergen

Wir verbringen an diesem und den nächsten Tagen wir viel Zeit damit, die unsere Oberschenkelmuskeln am Berg zu trainieren, die Ruhe und Abgeschiedenheit zu genießen und den Leuten zu winken. Mit Zlatibor erreichen wir noch ein weiteres Skigebiet und verbringen eine Nacht auf 1.200 Metern Höhe, in deren Folge wir eine dicke Frostschicht auf den Rändern finden, ohne selbst gefroren zu haben. 

In einem kleinen Dorfkonsum hilft uns ein offensichtlich sehr angetrunkener Mann, unser Abendbrot auszuwählen, bevor er mit dem Auto nach Hause fährt. Es gibt hier in den Bergen kaum Kneipen und Bars. Stattdessen hat jeder Kiosk, Supermarkt, Dorfladen Sitzgelegenheiten vor dem Eingang, wo die gerade gekauften Waren direkt ausgetrunken werden können.

Wir besuchen den Zlatarsee, der sehr schön zwischen den Bergen verläuft, aber viel weniger Wasser führt als er eigentlich sollte. Und wir fahren durch das Naturschutzgebiet Uvac mit einem ähnlich schönen See und bunter Landschaft. 

Noch mehr freundliche Menschen

Mit einem sehr weitläufigen Berg überqueren wir schließlich auch eine gedachte religiöse Grenze, denn plötzlich dominieren Minarette die Szenerien der Dörfer und weckt uns am Morgen auch mal der Muezzin mit seinem Gesang. 

Es passiert uns nun regelmäßig, dass ein Auto neben uns her fährt, um zu erfahren, woher wir kommen und wohin wir wollen. Ein Autofahrer hält tatsächlich mitten auf einer Kreuzung und steigt aus, um sich vorzustellen. 

Wir kämpfen nun etwas öfter mit schlechten Straßen, können dafür aber Pausen auf Bergen und an Flüssen machen, wo wir Besuch von Kühen bekommen, die sich gern in menschlicher Nähe aufzuhalten scheinen und auch mal für etwas Abwechslung sorgen, wenn sie am Straßenrand stehen und sich ihren körperlichen Gelüsten hingeben. 

Abfahrt

Nachdem wir eine Nacht auf einer Wiese an der höchsten Stelle eines Berges verbracht haben und beim Frühstück eine Menge Hirten und Jäger grüßen konnten, beginnt langsam der große Abstieg und das Ende unserer Zeit in den Bergen. Wir bekommen nochmal einen atemberaubend schönen Blick auf das Gebirge, der uns für die Anstrengungen der letzten Tage entschädigt. Die absolute Ruhe wird nur von einigen Kuhglocken unterbrochen. 

Und dann geht es rasant bergab bis an den Gazivoda-See, dem wir folgen bis wir die Grenze zum Kosovo erreichen.

Wir sind unglaublich glücklich, dass wir diesen großartigen Umweg gefunden haben und uns so viel Zeit lassen konnten wie wir brauchten, um ihn entspannt fahren zu können. Auf diese Weise werden uns Serbien und seine Einwohner sehr lange und sehr gut in Erinnerung bleiben. 

Ein paar Daten

  • Kilometerstand: 6.552 km
  • Strecke: Belgrad – Divčibare – Užice – Zlatibor – Sjenica – Vitkoviće
  • Übernachtungen: 7 x Zelt, 1 x Apartment
  • Zeitraum: 18. – 26. Oktober 2019

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Von Anika

Irgendwas mit Fahrradfahren.

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